Kauen beim Hund: Instinkt, Entspannung & Zahnpflege

31.07.2025 Allgemein
Kauen beim Hund: Instinkt, Entspannung & Zahnpflege - Kauen beim Hund - worauf sollst du achten?

Ob alter Schäferhund oder quirliger Chihuahua-Welpe – eins haben alle Hunde gemeinsam: Sie kauen gerne. Was für viele Halter nach Zerstörungswut aussieht, ist in Wahrheit ein tief verankertes, instinktives Verhalten mit vielen Facetten. Was Kauen für den Hund bedeutet und wie du das Bedürfnis geschickt im Alltag nutzt, erfährst du in diesem Artikel. 

Kauen beim Hund dient nicht nur der Zerkleinerung seiner Nahrung. Das natürliche Kaubedürfnis der Vierbeiner sorgt nicht nur für Beschäftigung, Muskeltraining und Zahnreinigung, sondern wirkt auch wie ein natürliches Antidepressivum.

Zehn Fakten über das Kauen beim Hund

  • Kauen kann den Cortisolspiegel (Stresshormon) signifikant senken.
  • Welpen verlieren 28 Milchzähne – und ersetzen sie durch 42 Erwachsenenzähne.
  • Kauartikel können helfen, Verhaltensauffälligkeiten zu reduzieren.
  • Der Speichel beim Kauen enthält Enzyme, die die Verdauung anregen.
  • Kauen aktiviert dieselben Hirnareale wie Spielverhalten.
  • Getrocknete Kauartikel sind lange haltbar – ganz ohne Chemie.
  • Kauen auf geeigneten Materialien kann Zahnsteinbildung um bis zu 70 % reduzieren.
  • Kauen fördert die Konzentration
  • Hunde, die regelmäßig kauen dürfen, zeigen seltener destruktives Verhalten
  • Schon im alten Ägypten bekamen Hunde Knochen zum Kauen – als Zeichen von Wertschätzung.

Kauen ist (überlebens)wichtig

Bevor der Napf erfunden wurde, musste Beute her – und die musste zerteilt, zerbissen und zerkaut werden. Die Zähne eines Hundes waren früher Werkzeuge fürs Überleben – und würden es sicherlich wieder werden, wenn die Situation es erfordert. Schon bei den Vorfahren unserer Hunde war das Kauen entscheidend, um Knochen zu knacken, Fleisch zu zerteilen und wertvolle Nährstoffe aufzunehmen. Auch heute noch ist Kauen für Hunde mehr als nur ein Zeitvertreib – es ist ein natürlicher Trieb, der erfüllt werden will.

Kauen gegen Stress – Kaumeditation für Hunde

Kauen wirkt auf Hunde wie autogenes Training auf uns Menschen. Es beruhigt, senkt den Puls und fördert die Ausschüttung von Wohlfühlhormonen. Durch das rhythmische Kauen werden Endorphine freigesetzt – also Glückshormone, die direkt das Belohnungszentrum im Gehirn aktivieren. Das Ergebnis? Dein Hund fühlt sich sicher, zufrieden – einfach rundum entspannt.

Besser als Hundeyoga – So kaut sich dein Vierbeiner in die Entspannung

„Diese clevere Verbindung zwischen Kauen und Entspannung ist kein Zufall, sondern ein evolutionäres Geschenk“, erklärt Gina Eichhorn, Tierheilpraktikerin in Jüterbog. „Hunde kauen, um sich selbst zu regulieren – wie wir an den Fingernägeln kauen, die Schultern massieren oder tief durchatmen. Kauen ist artgerecht und gesund – eine Art Prophylaxe-Kur für jeden Tag.“

Kauen bei Hunden wirkt beruhigend


In stressigen Situationen suchen viele Hunde instinktiv nach etwas zum Kauen, um sich zu entspannen. Und genau das können wir uns im Alltag zunutze machen: Statt das Kauen zu unterbinden, sollten wir es gezielt fördern – mit geeigneten Kauartikeln. Denn: Kauen ist kein „schlechtes Verhalten“, sondern ein zutiefst hündisches Bedürfnis.

Während dein Hund also genüsslich auf einem Stück Büffelkopfhaut herumarbeitet, passiert etwas Faszinierendes: Die Kiefermuskulatur entspannt sich, die Haltung wird locker, der Blick ruhig. Statt dauerhafter Reizüberflutung fokussiert sich dein Hund ganz auf seine Aufgabe – fast wie im Flow. Kein hektisches Hin-und-Her, kein Stress – nur stilles, zufriedenes Kauen.

„Richtig eingesetzt kann Kauen kann auch Teil eines therapeutischen Plans sein. Bei nervösen Hunden, in Reha-Phasen oder bei Senioren mit geistigem Abbau bringt das gezielte Einsetzen von Kauphasen Struktur und Sinneseindrücke zurück“, sagt Gina Eichhorn. „Es aktiviert nicht nur Muskulatur, sondern auch das Gehirn und das ist mindestens genauso wichtig.“

Kauen wirkt beim Hund wie eine Massage

Beim Kauen wird nicht nur der Kiefer trainiert, sondern es entstehen auch Impulse entlang der Halsmuskulatur bis tief in den Schultergürtel.

„Gerade bei Hunden mit Verspannungen im Nackenbereich oder Problemen in der Halswirbelsäule kann sanftes Kauen zur Entspannung beitragen, sofern das Kauprodukt zur Anatomie des Hundes passt“, rät die Heilpraktikerin und nennt als Beispiel kurznasige Rassen mit Kieferproblemen. „Ein sehr harter Ziemer ist für Hunde wie Mops oder Französische Bulldogge nicht geeignet.“

Was viele nicht wissen: Probleme im Kiefer können sich auf die gesamte Körperstatik auswirken, über Muskelketten bis hin zur Wirbelsäule.

„Deshalb ist es nicht egal, worauf ein Hund kaut. Schlecht verarbeitete Kauartikel oder solche, die zu hart sind, können Mikroverletzungen im Zahnapparat hinterlassen, die langfristig zu Blockaden führen“, so Gina Eichhorn.

Zahnpflege ganz ohne Bürste

Regelmäßiges Kauen ist nicht nur ein Fest für die Sinne deines Hundes – es kann auch aktiv zur Zahngesundheit beitragen. Beim Kauen auf harten Snacks, Kauknochen oder speziellen Kauspielzeugen wird Plaque ganz natürlich abgerieben und das Gebiss deines Hundes auf ganz natürliche Weise gereinigt. Das funktioniert wie eine Zahnbürste aus der Natur – nur deutlich beliebter beim Vierbeiner – und ganz sicher auch bei dir (vorausgesetzt, der Hund kaut nicht gerade auf deinen Lieblingsschuhen herum).

„Kauen bietet eine natürliche Form der Zahnpflege – besonders für Hunde, die das Zähneputzen nicht gut tolerieren“, betont Gina Eichhorn. „Es ist auch eine effektive, artgerechte Maßnahme zur Prävention dentaler Erkrankungen.“


Harte Kauartikel wie getrocknete Pferdehautplatten,  Büffelsehnen oder spezielle Naturkauknochen sorgen für Reibung an den Zahnoberflächen. Dabei wird nicht nur Zahnbelag entfernt, sondern auch die Speichelproduktion angeregt, was wiederum antibakteriell wirkt und das Risiko von Zahnfleischentzündungen senkt.

Laut einer Studie des Veterinary Oral Health Council (VOHC) kann regelmäßiges Kauen die Bildung von Zahnstein um bis zu 70 % reduzieren, wenn geeignete Produkte verwendet werden. 
Zur Studie: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/avj.12394

Doch Achtung: Nicht jeder Kausnack eignet sich zur Zahnpflege. Weiche Leckerlis oder zu fettige Snacks bringen wenig mechanische Reibung. Und enthalten außerdem oft unnötigen Zucker, welcher den Zähnen schaden kann. Am besten eignen sich strukturierte, zähe Artikel, die nicht splittern – z. B. luftgetrocknete Kopfhaut, Ziegenohren oder Trockenfleischstreifen.

Kauen bei Welpen – wenn die Zähnchen jucken

Gerade Welpen im Zahnwechsel – typischerweise ab dem 3. Lebensmonat – haben ein besonders starkes Kaubedürfnis. Die Milchzähne wackeln, das Zahnfleisch spannt und juckt – Kauen lindert den Druck und verschafft Erleichterung. Wer hier nicht vorsorgt, darf sich nicht wundern, wenn das Designer-Sofa zur Zahnspange wird. Besser: Kauwurzeln, Welpenknochen oder spezielle Beißringe anbieten.

Kauartikel als Trainingsbooster

Wer clever trainiert, setzt Kauen gezielt ein – als Belohnung, als Beschäftigung und sogar als Ritual zum „Runterkommen“ nach dem Training. Ein gut gewählter Kausnack kann helfen, nach dem Üben zur Ruhe zu kommen und das Gelernte besser zu verarbeiten. Studien belegen: Hunde, die nach einer Herausforderung kauen durften, zeigen ein besseres Lernverhalten. Kauen ist also nicht nur lecker – sondern auch clever!

Kauen ist nicht gleich Langeweile – es ist ein Bedürfnis

Viele Halter glauben, ein kauender Hund sei „unausgelastet“. Es kann sein, dass Hunde aus Langeweile und Unterforderung kauen. Allerdings hat auch der bestbeschäftigte Hund ein Kaubedürfnis. Es gehört zu seinem Tagesablauf wie Spielen, Schlafen oder Scharren. Kauen ist ein Ritual, ein Hobby, ein Stück Identität.

Also: Lass deinen Hund ruhig regelmäßig kauen. Er tut’s nicht, weil er nichts anderes zu tun hat – sondern weil er einfach Hund ist.

Kauen wegen Unterforderung

Fakt ist aber auch, dass ein gelangweilter oder vereinsamter Hund Trost im Kauen sucht. Denn sowohl Trennung als auch mangelnde Herausforderung führen auf Dauer zum Stress. Um ihn abzubauen, sucht sich der Vierbeiner etwas zwischen die Zähne. Kauen ist dann eine Übersprungshandlung, um mit unangenehmer Situation fertig zu werden.

Bevor du also immer wieder neue Kauspielzeuge kaufst und nach immer härteren Kauknochen Ausschau hältst, um die Aufmerksamkeit deines Hundes von Schuhen und Möbeln abzulenken, sorge für ausreichend Bewegung und Beschäftigung deines Fellfreundes. Ein Kauknochen wird nach einem erlebnisreichen Spaziergang oder herausfordernden Training zum Vergnügen und einer willkommenen Belohnung.

Kauen bei älteren Hunden – wenn die Zähne schwächeln

Auch Senioren wollen kauen. Zwar nicht mehr auf ultraharten Ochsenziemern, aber weichere Kauartikel wie luftgetrocknete Lunge oder Fischhaut sind ideal. Kauen regt die Speichelproduktion an, was wichtig für die Verdauung ist, und hält auch ältere Hunde geistig beschäftigt. Denk daran: Auch ein alter Hund kaut gern – nur eben auf Seniorenniveau.

Die Kunst des richtigen Kauens – nicht alles ist erlaubt!

Nicht jeder Kausnack ist automatisch gut. Ziegenohren? Köstlich, aber für manche Hunde zu fett. Rohe Knochen? Wertvoll als Quelle für Kalzium und Phosphor, aber nicht ohne Einschränkung. Holzstöcke aus dem Wald? Pfoten weg, Splittergefahr!

Gute Kauartikel sind naturbelassen, frei von Zusatzstoffen und dem Kaulevel deines Hundes angepasst. Auch wichtig: Beaufsichtige deinen Hund beim Kauen – damit aus Genuss keine Not-OP wird.

Wie oft sollte ein Hund einen Kauartikel haben?

Es gibt keine bestimmte Regel, wie häufig ein Vierbeiner einen Kausnack bekommen soll, du sollst allerdings die Kalorienzufuhr nicht außer Acht lassen, denn viele dieser beliebten Delikatessen sind recht fett. Bekommt dein Fellfreund jeden Tag eine solche Belohnung, erzeugst du bei ihm eine Erwartungshaltung, die schnell ins Betteln umschlagen kann – der Hund fordert, was ihm „zusteht“.

Optimalerweise gibst du dem Hund Kauartikel unregelmäßig und antizyklisch, damit das nicht zur Gewohnheit wird. 
Eine Ausnahme gibt es doch: Bleibt dein Hund jeden Tag für ein paar Stunden allein, kann ihm so ein harter Kausnack guttun und zur Beruhigung und Beschäftigung beitragen.

Fazit: Gib dem Kauen Raum

Kauen ist nicht nur ein Bedürfnis – es ist ein Werkzeug für Wohlbefinden, Erziehung und Gesundheit. Ob jung oder alt, groß oder klein – jeder Hund braucht seine tägliche Dosis Kauen. Deine Aufgabe: Wähle artgerechte Kauartikel aus, die zu deinem Hund und seinen Bedürfnissen passen. Kein Plastikspielzeug voller Weichmacher oder Hartmacher, keine China-Kauknochen aus Lederresten, die meist Schwermetalle und chemische Konservierungsstoffe enthalten – sondern naturbelassene Kauartikel aus zuverlässigen Quellen, die zur Konservierung nur getrocknet wurden.

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Über unsere Gesprächspartnerin:
Gina Eichhorn hat eine Tierheilpraxis in Jüterbog, ist aber auch mobil in Brandenburg unterwegs. Sie ist zudem ausgebildete Tierphysiotherapeutin für Hunde und Katzen.

www.tierheilpraxis-jb.de

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